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Ich kann die Welt nicht verändern. Ich kann aber Menschen sensibilisieren.

„Ich kann die Welt nicht verändern. Ich kann aber Menschen sensibilisieren“, versichert mir Vassilis Mathioudakis, Fotograf aus Athen. Auf Vassilis bin ich durch Zufall gestoßen. In meiner Timeline bei Instagram wurde mir vor einigen Monaten ein griechischer Fotograf vorgeschlagen. Da ich natürlich ein besonderes Faible für alles Griechische habe, drückte ich auf den „Folgen“ Button. Von diesem Moment an erschienen die Bilder von Vassilis in meiner Timeline und ich war vom ersten Foto an fasziniert. Denn: Vassili ist ein klassischer Fotoreporter und er hat sich für seine Reportagen Themen auf zwei Themen konzentriert, die beide das Leben und die Politik Griechenlands bestimmen: Die Auswirkungen der Krise auf die Menschen in Athen und die Situation der Geflüchteten in Griechenland. Durch seine sensibel fotografierten Bilder bekomme ich seitdem fast täglich einen Eindruck davon, unter welchen Verhältnissen Menschen in Griechenland gerade leben müssen. Und es ist ein schockierender Eindruck.

 

Vassilis bekam als junger Mensch von seinem Onkel eine Fotokamera geschenkt, wodurch seine Leidenschaft zu dieser Ausdrucksform geweckt wurde. Nachdem er sich zunächst auf andere Pfade begeben hatte (Studium der Architektur und Archäologie in Rethmynon, Kreta), widmete er sich schnell wieder seiner wahren Bestimmung: der Fotografie. Wie so oft verhalf ihm der Zufall bei seiner weiteren beruflichen Entwicklung. Für eine befreundete Band fotografierte er deren CD Cover. Eine Redakteurin der Musikzeitschrift „Diafonos“ wurde auf dieses Foto aufmerksam und schon hatte er seinen ersten Job als Fotograf des Blattes. Bald darauf folgten Aufträge für die nationale Zeitung „Ta Nea“. In den Jahren fotografierte er Staatsmänner, Politiker und weitere Personen des öffentlichen Lebens in Griechenland.

 

Neben der alltäglichen Arbeit für die Zeitung interessierte Vassilis immer schon für soziale und politische Themen. Und die entsprechenden Motive lagen praktisch auf der Straße: Menschen, die durch die Krise ihre Arbeit verloren hatten. Menschen, die obdachlos wurden. Proteste auf den Straßen, Ausschreitungen und große Not überall. Es war und es ist Vassilis ein großes Bedürfnis, diese Szenen festzuhalten. Ein Problem gab es aber dabei: Wie konnte er seine Fotos einer größeren Öffentlichkeit zeigen? Die Lösung: Instagram. Ein Freund erklärte ihm die Nutzung des Social Media Kanals und während seine ersten Versuche zunächst zaghaft waren, entdeckte er nach kurzer Zeit die Vorteile des Mediums. Mit den richtigen Hashtags versehen, wuchs die Zahl seiner Follower schnell an, heute sind es weltweit an die 10.000 Menschen, die seine Fotos sehen (Instagram account: Link Facebook:Link ).

Ein Ereignis vor ca. zwei Jahren sensibilisierte Vassilis für ein anderes fotografisches Thema. Bei einem Urlaub auf der Insel Gavros südlich von Kreta, landete ein mit Geflüchteten besetztes Boot am Strand. Die Schicksale der Menschen mit eigenen Augen zu sehen, offenbarte ihm die Dimension des Themas Flucht. Seitdem geht er dort hin, wo die Geflüchteten sind und dokumentiert ihre Geschichten und Schicksale. Sei es die Frau, die mit einem Schirm verzweifelt versucht, ihre Essen auf dem offenen Feuer vor dem Regen zu schützen. Oder die freiwillige Mitarbeiterin eines Lagers auf Lesbos, die ein junges Mädchen drückt. Oder der einbeinige junge Mann, der auf Krücken die Gleise von Idomeni entlang wandert. Alle Fotos wecken Scham im Betrachter. Scham darüber, dass wir diese Menschen aus unserem Gedächtnis geworfen haben.

Doch neben der Scham kommt auch Wut auf. Vassilis erzählt mir von dubiosen NGOs auf Lesbos, die mit falschen Ärzten auftauchen und sich die staatlichen und europäischen Fördergelder unter den Nagel reißen. Hier zeigt sich wieder, dass es selbst in der größten Not noch Menschen gibt, die einen persönlichen Nutzen aus der Situation von leidenden Menschen ziehen. Und einmal mehr schaffen es griechische Behörden nicht, effizient zu arbeiten und einen Missbrauch zu beseitigen. Kein Wunder, wenn diese Behörden selbst Teil des Missbrauchs sind. 

Für die nahe Zukunft hat Vassilis weitere Projekte im Visier. Zunächst möchte er seine Fotos vom ehemaligen Hotel City Plaza in Athen veröffentlichen. Das Hotel ist eines von drei besetzten Gebäuden in Athen, das Freiwillige zu einer Unterkunft für besonders schutzbedürftige Geflüchtete umfunktioniert haben. Am 1. April wird Vassislis 24 Stunden an dem Projekt „24 Hour“ teilnehmen, bei dem Menschen weltweit zur gleichen Zeit ihre Bilder online stellen werden (http://www.24hourproject.org). Jedes Foto widmet sich dem Thema: „Documenting Humanity“. Vassilis wird auf Lesbos die Situation der Geflüchteten dokumentieren.

 „Ich kann die Welt nicht verändern. Ich kann aber Menschen sensibilisieren“. Lieber Vassilis, das tust du mit jedem deiner Fotos. Und dafür danken wir dir.


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